Organon: Brandneues Unternehmen mit 100 Jahren Erfahrung

Organon ist zurück in Oss. 2010 ging die Erfolgsgeschichte des Pharmamultis und Entwicklers der Antibabypille zu Ende. Zehn Jahre danach sind hinter der berühmten blauen Wand wieder großartige Entwicklungen im Gange.  

Vor fast einhundert Jahren, im Jahr 1923, gründete Salomon (Saal) van Zwanenberg die NV Organon in Oss, Brabant. Saal war damals Geschäftsführer des Familienbetriebs „Zwanenbergs Slachterijen en Fabrieken“, des größten Exportschlachters der Niederlande. Ein Unternehmer durch und durch, der nach dem Motto „Unser Herrgott hat nichts umsonst erschaffen“ zusammen mit Wissenschaftlern nach einer sinnvollen Verwendung für seine Abfälle suchte. Er findet das im Insulin, das aus der Bauchspeicheldrüse von Rindern und Schweinen gewonnen werden kann. Organon ist das erste Unternehmen in Europa, das diese wichtige Substanz für die Behandlung von Diabetes auf den Markt bringt. Im Laufe der Jahre folgte eine ganze Reihe von (medizinischen) Hormonpräparaten, von denen die 1962 auf den Markt gebrachte Antibabypille Lyndiol das bekannteste ist. Damit wird Organon zu einem weltweiten Akteur in der Pharmaindustrie und zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Region.

„Das neue Organon ist ein völlig anderes Unternehmen“

Wer fast ein Jahrhundert später über das Organon-Gelände geht, sieht neben Neubau auch noch viel, das an die alten Zeiten erinnert. Oft geht es dabei nur um die Fassade. Denn hinter dunkelbraunen Backsteinmauern und bleiverglasten Fenstern befinden sich heute hypermoderne Labors und Produktionsanlagen. Wenny Raaijmakers, die heutige Leiterin von Organon Oss, ist stolz auf die reiche Geschichte des Unternehmens. „Doch das neue Organon ist wirklich ein ganz anderes Unternehmen“, sagt sie. 

Als Raaijmakers 1999 in das Unternehmen eintritt, befindet sich Organon in guter Position. Das Unternehmen – seit 1969 Bestandteil von Akzo Nobel – ist gut im Geschäft mit Antidepressiva und steht kurz vor der Markteinführung zweier revolutionärer Verhütungsmittel mit geregelter Hormonabgabe: dem Verhütungsstäbchen und dem Verhütungsring, die beide in Oss erfunden wurden. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten dort etwa 4500 Beschäftigte in Produktion sowie in Forschung und Entwicklung. Etwa zehn Jahre später berichten die Medien vom „Ende der Erfolgsgeschichte“. Was war geschehen?

Wenny Raaijmakers: „Im großen MSD-Konzern war wir nur ein Räderchen. Jetzt haben wir viel mehr eigenes Sagen.“

Herber Rückschlag für Oss

Laut Raaijmakers war es nicht das Ende, aber die Niederlassung in Oss erlitt einen empfindlichen Schlag. „2007 wurde Organon an das amerikanische Unternehmen Schering-Plough verkauft – eine große Enttäuschung für die Menschen hier. Zwei Jahre später fusionierte das Unternehmen mit einem anderen großen US-Pharmaunternehmen: MSD (in den USA als Merck bekannt). MSD verfügte über fast hundert Produktionsstätten und mehr als zehn F&E-Standorte weltweit. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, musste die Zahl der Standorte reduziert werden. Infolgedessen verschwand erst die Forschung aus Oss und mehr als tausend Arbeitsplätze gingen hier verloren. Später wurde ein Teil der Rohstoffproduktion an Aspen verkauft. Aber Oss blieb ein wichtiger Produktionsstandort, der im Laufe der Jahre seine Produktion noch ständig steigerte und in den erhebliche Investitionen getätigt wurden.“   
 
Um sicherzustellen, dass das im Laufe der Jahre aufgebaute pharmazeutische Wissen und Know-how nicht verloren geht, gründete eine Partnerschaft aus MSD, der Provinz Noord-Brabant, der Gemeinde Oss und der Entwicklungsgesellschaft Brabant (BOM) auf dem ehemaligen Organon-Gelände, dem heutigen Pivot Park, einen Life-Sciences-Unternehmenspark. Viele der Unternehmen, die hier an pharmazeutischen Innovationen arbeiten, wurden von ehemaligen Mitarbeitern von Organon und MSD gegründet.

Fokus auf Frauengesundheit schafft Chancen

Jetzt ist auch Organon, der „Stolz von Oss“, zurück. 2020 beschloss MSD, die Aktivitäten für Frauengesundheit auszugliedern und als eigenständiges Unternehmen unter dem bekannten Namen Organon an die Börse zu bringen. Die Idee dahinter: Wenn man sich fokussiert, trifft man bessere Entscheidungen und kann den Patienten besser helfen. Das neue Organon ist weltweit tätig und liefert Arzneimittel in mehr als 140 Länder. Im Benelux-Zweig sind 2000 der rund 9000 Mitarbeiter beschäftigt. Der größte der sechs Produktionsstandorte – mit rund 1100 Beschäftigten – ist der in Oss. Wenny Raaijmakers: „Im großen MSD-Konzern waren wir nur ein Räderchen. Jetzt haben wir viel mehr eigenes Sagen.“ Dabei schafft die Fokussierung auf Frauengesundheit im weitesten Sinne eine Fülle von Möglichkeiten: „Auf diesem Gebiet gibt es vieles, das immer noch nicht genug Aufmerksamkeit erhält. Dabei kann es um Empfängnisverhütung oder Fruchtbarkeit gehen, aber auch zum Beispiel um eine Erkrankung wie Endometriose.“  

Als MSD im Februar 2020 die neue Organisation ankündigte, war die Stimmung in Oss zunächst etwas verhaltend. Als jedoch wenig später klar wurde, dass das Unternehmen den vertrauten Namen Organon erhält und mehr darüber bekannt wurde, wer es leiten würde, nahm die Zustimmung zu. Wenny Raaijmakers: „Einige starke und geschätzte Führungskräfte von MSD haben sich bewusst für Organon entschieden. Menschen mit Ideen, die Freude daran haben, ein neues Unternehmen zu errichten und die den Ehrgeiz zur Kooperation teilen. Das gab einen positiven Schub.“  

Bezeichnend für die Ambition der neuen Organisation ist die Tatsache, dass kurz nach dem Börsengang bereits die Übernahme eines Start-ups und eine Partnerschaft angekündigt wurden. Die betreffenden Unternehmen befassen sich mit der Vorbeugung von schweren Blutungen während Geburten und der Verhütung von Frühgeburten. Für die großen Pharmafirmen ist dies die neue Art der Innovation, erklärt Raaijmakers. „Wir suchen die Zusammenarbeit mit kleinen Unternehmen, die sich etwas Fantastisches ausgedacht und bereits klinische Forschung betrieben haben, aber nicht über das Know-how, die Ressourcen und die Partner für Forschung, Produktion und Vermarktung im großen Stil verfügen.“

Produktion während Corona verdoppelt

Während mit der Entflechtung der Unternehmen und dem Aufbau der neuen Organisation begonnen wird, schlägt Corona zu. Und die Produktionsstätte in Oss zeigt, was sie auch in schwierigen Zeiten zu leisten vermag. „Wir stellen hier ein Muskelrelaxans her, das es ermöglicht, Patienten besser und sicherer beatmen zu können“, sagt Raaijmakers. „Dieses Medikament ist eine Erfindung von Organon, aber heutzutage wird es hauptsächlich (billiger) aus Indien und China importiert. Durch Corona nahm der Bedarf enorm zu. Da Import nicht möglich war, haben wir die Produktion innerhalb von zwei Wochen verdoppelt, um ganz Europa und später auch außereuropäische Länder mit diesem Muskelrelaxans versorgen zu können. Unsere Leute haben hart gearbeitet. Wir alle wissen, dass wir hier Medikamente herstellen, aber diesmal lag es so vor den Augen, wofür man es tut. Nahezu jeder kannte jemanden, der ernsthaft betroffen war.“   

Organon in Oss leistet auch praktische Hilfe: Was die Fabrik an Mundschutz entbehren kann, geht an Krankenhäuser und Arztpraxen in der Region. Und in Anlagen, die normalerweise für ganz andere Produkte verwendet werden, wurden Hunderte von Litern des in der Fabrik viel verwendeten Desinfektionsmittels Ethanol verdünnt und an Arztpraxen abgegeben. 

Weiter aufbauen

Jetzt, da die Situation wieder einigermaßen nach „normal“ zurück ist, kann weiter gebaut werden. An dem neuen Unternehmen, einschließlich neuen und renovierten Geschäftsgebäuden und dem Maschinenpark. Und an der Umsetzung des Unternehmensziels: Etwas bewegen auf dem Gebiet der Frauengesundheit. Wenny Raaijmakers freut sich darauf: „Wir hier in Oss spielen darin eine wichtige Rolle. Das bietet Möglichkeiten, unsere Produktionskapazität zu erweitern, eine schöne Herausforderung.“  
 
Auch die bekannte blaue Wand in der Molenstraat in Oss, das Symbol des Unternehmens, wurde einem Makeover unterzogen. RoosArt verwandelte sie in ein riesiges Kunstwerk, in dem drei Menschen Forschung, Entwicklung und Produktion symbolisieren und einem Schmetterling, der sich zu neuen Lösungen aufmacht. Niemand, der hier vorbeigeht, kann übersehen, dass hinter dieser Wand Großartiges entsteht.   

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