Bambi Medical ermöglicht Frühchen einen guten Start

Der Bambi Belt von Bambi Medical kann für Frühgeborene von großer Bedeutung sein. Lange Zeit war unklar, ob das Produkt je auf den Markt kommen würde.

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Stellen Sie sich vor: Man erfindet ein großartiges Produkt, mit dem man das Leben Frühgeborener erheblich erleichtern kann, aber kein einziges Unternehmen wagt sich daran, es auf den Markt zu bringen. Das erlebte der namhafte Kinderarzt und Neonatologe Sidarto Bambang Oetomo. Bereits 2008 erfand er, was sich heute Bambi Belt nennt. Eine Alternative für die Klebeelektroden, die zur Überwachung der vitalen Körperfunktionen auf die empfindliche Haut Frühgeborener aufgeklebt werden.

Schmerzen und Stress durch Klebeelektroden

„Das Versetzen oder Entfernen der Elektroden kann die Haut beschädigen“, sagt Sidarto. „Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern birgt auch Infektionsrisiken. Außerdem können sich Babys verheddern und sie können an den Drähten ziehen, die mit den Elektroden verbunden sind. Auch das verursacht Schmerzen und Stress, was sich negativ auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt.“ Das System der mit Drähten mit einem Gerät verbundenen Klebeelektroden hat noch einen erheblichen Nachteil: Es erschwert die sogenannte Känguru-Methode, wobei das Kind nackt auf der Brust der Mutter liegt. Sidarto nennt die Mutterbrust ‚the Place to be‘ für ein Neugeborenes: „Der Hautkontakt fördert Wachstum und Entwicklung des Kindes. Es gibt viel weniger Stress und auch das Stillen klappt besser.” Durch die Känguru-Methode können Kinder in der Regel früher aus der Klinik entlassen werden. Aus Studien geht sogar hervor, dass man bei Anwendung der Känguru-Methode bei allen Frühgeborenen eine Abnahme der Kindersterblichkeit erreichen könnte.

Auch vitale Körperfunktionen der Allerkleinsten überwachen

Sidartos Erfindung vereinfacht das Känguruen, denn Drähte sind dabei überflüssig. Der Bambi Belt ist ein schmales Band, das um die Brust des Kindes gelegt wird, versehen mit Sensoren, die Signale an einen tragbaren Monitor senden. Das Band beschädigt die Haut nicht. Es ermöglicht auch die Überwachung der elektrischen Aktivität des Herzmuskels der Allerkleinsten – Winzlingen von nur 500 oder 600 Gramm – deren Haut noch zu empfindlich für Klebeelektroden ist. Bei ihnen werden bisher nur – über eine Art Pflaster am Fuß – die Herzfrequenz und der Sauerstoffgehalt im Blut gemessen. Das ist ein ganz wichtiger Pluspunkt des Bambi Belts.

Zusammenarbeit Máxima Medisch Centrum und TU Eindhoven

Die Idee des drahtlosen Überwachungssystems entsteht 2006, als das Máxima Medisch Centrum, wo Sidarto Bambang Oetomo als Kinderarzt und Neonatologe tätig ist, und die Technische Universität Eindhoven zu einer gemeinsamen wissenschaftlichen Studie beschließen. Sidarto wird zum Hochschullehrer für Industriedesign ernannt. Sein Lehrauftrag: Kindermedizinische Anwendungen der Ambient Intelligence, einer Form der artifiziellen Intelligenz, wobei der Mensch von intelligenten Geräten umgeben wird, die das Leben angenehmer machen. „Zusammen mit den Studierenden habe ich damals verschiedene Ideen entwickelt, um Stress und Beschwerden von Kindern in der neonatalen Intensive Care Unit zu vermindern. Auch dachten wir uns Methoden zur Förderung der Eltern-Kind-Bindung während des Klinikaufenthalts des Kindes aus.“ Unter Betreuung von Sidarto macht ein Student als Abschlussarbeit einen Produktentwurf für das Smart Jacket, Vorläufer des (weniger hautbedeckenden) Bambi Belts. Das führt 2008 zur ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung.

Angst vor kalten Füßen

Unternehmen reagieren fast ausnahmslos begeistert, wenn Sidarto sie daraufhin kontaktiert, um sein Smart Jacket weiter zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Es bleibt jedoch bei der Begeisterung. Angst vor kalten Füßen: So bezeichnet der Neonatologe ihre Zurückhaltung. „Es geht um ein sehr ausgeklügeltes Produkt, das umfangreiche Investitionen erfordert. Das überlassen Unternehmen häufig lieber den Start-ups. Mit finanzieller Unterstützung eines Pharmazieunternehmens kann 2012 ein nächster Schritt der Produktentwicklung unternommen werden, aber dabei bleibt es dann auch. Sidarto: „Ich war weiterhin zuversichtlich, stellte jedoch irgendwann fest, dass es nicht mehr vorwärts ging. Das frustrierte mich sehr. Denn mir war klar, dass ich etwas Außergewöhnliches in den Händen hielt, vor allem, wenn ich mit Eltern und Pflegekräften darüber sprach. Sie fragen immer wieder: Wann kommt denn endlich das Smart Jacket?”

„Dann muss ich das eben machen“

Jahrelang wollte Fabio Bambang Oetomo genau wie sein Vater Arzt werden. Ökonometrie lag ihm jedoch besser und nach dem erfolgreichen Masterabschluss der Aktuarwissenschaften in Amsterdam arbeitete er in verschiedenen Positionen bei unter anderem Deloitte und Mars. Die Arbeit als Fabrikscontroller bei Mars in Veghel gefällt ihm gut, als er sich realisiert, dass es nur eine Möglichkeit gibt, dafür zu sorgen, dass die großartige Erfindung seines Vaters tatsächlich in Kliniken verwendet werden wird: Er wird kündigen müssen, um sich vollständig auf die Weiterentwicklung und die Markteinführung des Smart Jackets zu konzentrieren. Fabio: „Ich beriet meinen Vater bereits seit einigen Jahren über die kommerzielle Umsetzung seiner Pläne und sah, dass die eine Ablehnung der anderen folgte. Ein Unternehmen wollte zwar mitmachen, stellte jedoch unmögliche Bedingungen. Da dachte ich mir: Dann muss ich es eben machen.”

Foto: Peter van Trijen

Fabio ist sich darüber im Klaren, dass es nur eine Möglichkeit gibt, damit die großartige Erfindung seines Vaters tatsächlich in Kliniken Anwendung findet...

Start Bambi Medical

Sidarto sieht die Pläne seines Sohns mit gemischten Gefühlen. „Ich freute mich über die Möglichkeit, die Sache jetzt echt zu einem Erfolg zu machen. Aber ich machte mir auch Sorgen: War es denn so eine gute Idee von Fabio - einem Familienvater mit kleinen Kindern - um seinen Job zu kündigen und ein Unternehmen zu gründen?” Auch Fabios Ehefrau und seine Schwiegermutter machten sich große Sorgen über das Wegfallen des festen Familieneinkommens. Mit der Zusicherung des Seniormanagements von Mars, dass man dort bei dem Schokoladenhersteller immer einen Platz für ihn habe, weiß Fabio das Vertrauen seiner Familienmitglieder zu gewinnen. Am 1. März 2016 verabschiedet er sich von seinen Kollegen und beginnt bei Bambi Medical.

Der Schnellkochtopf von HighTechXL

Da die Arbeit vom Homeoffice aus schwierig ist, sucht Fabio bereits bald nach einem geeigneten Raum. Den findet er am High Tech Campus Eindhoven. „Wir wurden hier mit offenen Armen empfangen und wurden auch sofort zur Teilnahme am Auswahlverfahren für das Beschleunigungsprogramm von HighTechXL eingeladen.“ Das erwies sich als goldene Lösung. High TechXL hilft Start-ups und innovativen Teams großer Unternehmen bei ihrer Entwicklung zu erfolgreichen Unternehmen. Eine wichtige Voraussetzung: Man muss eine großartige Idee haben, die (gesellschaftliche) Auswirkungen zeigen könnte. Nach einem erfolgreichen Pitch befindet sich Bambi Medical plötzlich in einen Schnellkochtopf. In kürzester Zeit kommen alle Facetten des Unternehmertums vorbei. Was ihnen nach Fabios Meinung vor allem viel gebracht hat: „Wir wurden ständig dazu aufgefordert, unsere Annahmen bei den Endnutzern zu überprüfen.“ Sidarto ist der Überzeugung, das Beschleunigungsprogramm sei für Bambi Medical entscheidend gewesen: „Wir verfügen natürlich über Expertise in unserem Fachbereich; wie man jedoch ein erfolgreiches Unternehmen aufbaut, davon hatten wir nicht viel Ahnung. Mit der Unterstützung von High TechXL haben wir in wenigen Monaten einen enormen Sprung vorwärts gemacht.”

Unbezahlt an die Arbeit

Bei der Auswahl für das Beschleunigungsprogramm von High TechXL gibt es einen kritischen Punkt: Es gibt noch kein Team. Da Sidarto zu dem Zeitpunkt noch fulltime beim Máxima Medisch Centrum beschäftigt ist, kann nur Fabio Zeit in Bambi Medical investieren. „Ich habe Mitglieder für mein Team gesucht. Aber während ich neuen Beschäftigten bei Mars attraktive Verträge anbieten konnte, musste ich den Menschen nun sagen, dass wir vorläufig keine Gehälter auszahlen konnten.“ Für seine neuen Kollegen ist das Gehalt jedoch nachrangig. Sie setzen sich für Bambi Medical ein, weil sie zu einer besseren Welt beitragen wollen. Fabio: „Dass Menschen dazu bereit waren, hier unbezahlt zu arbeiten, war für mich erneut eine Bestätigung dafür, dass wir an etwas Großartigem arbeiten. Trotzdem war ich heilfroh, dass wir schon bald doch die Gehälter auszahlen konnten.“ Sidarto fügt hinzu: „Eins von zwei Frühstgeborenen leidet lebenslang unter den nachteiligen Auswirkungen. Kann man etwas zur Verminderung solcher Auswirkungen machen, dann profitiert man davon ein ganzes Menschenleben. Das ist für alle bei Bambi Medical eine wichtige Triebfeder.“

Gegenpole

Ein anderer Beweis, dass Bambi Medical ‚etwas ganz Großartiges tut‘: Das Unternehmen wusste für die Weiterentwicklung des Bambi Belts erhebliche Summen an Zuschüssen zu erwirken. Das ist zu einem Großteil Vater und Sohn Bambang Oetomo zu verdanken, zwei absoluten Gegenpolen, die einander perfekt ergänzen. Sidarto ist es gewohnt und bevorzugt es auch, in einer Umgebung zu arbeiten, in der er genau weiß, was passieren kann, und einer der eher überall Gefahren sieht. Und Fabio, ein ausgesprochener Optimist, der - wie er selbst sagt - „alles liebt, was ein Start-up so mit sich bringt: die Veränderung, die Erneuerung, die Risiken, die Unsicherheit.“ Sidarto: „Fabio kann mich die Sache von der Sonnenseite betrachten lassen und ich kann ihn ab und zu etwas abbremsen; das funktioniert sehr gut.“ Differenzen gibt es selten. „Die Stärke unseres Familienunternehmens ist, denke ich, unser Unterschied - nicht nur, was unsere Charaktere angeht, sondern auch hinsichtlich Hintergrund und Erfahrung“, meint Fabio. „Bei klinischen Angelegenheiten vertraue ich voll und ganz dem Urteil meines Vaters. Bei Themen, wovon ich mehr Ahnung habe, vertraut er mir.“

Prototyp Bambi Belt entwickelt

Inzwischen arbeitet Bambi Medical mit einem neunköpfigen Team am Bambi Belt und anderen Produkten, die Schmerzen und Stress bei Neugeborenen vermindern und die Eltern-Kind-Bindung fördern sollen. Festes Mitglied des Teams ist jetzt auch Sidarto, der sich mit dem Erreichen des Rentenalters von seiner Arbeit als Kinderarzt verabschiedet hat. Und der kürzlich - unter anderem für die Verminderung der Sterberate von Frühchen - zum Ritter im Orden des Niederländischen Löwen ernannt wurde. Bei Rückschlägen während der Produktentwicklung kann Sidarto schon mal denken: hätten wir doch nur nicht damit angefangen. Aber dann gibt es ja noch Fabio mit seinem grenzenlosen Vertrauen in die Technologie und in sein Team: „Wir finden schon für jede Herausforderung eine Lösung.“ Manchmal geht es Fabio auch nicht schnell genug: Die Entwicklung medizinischer Produkte ist so vielumfassend; ich habe unterschätzt, wie viel Zeit man dazu braucht.“ In Zusammenarbeit mit dem Holst Centre hat das Team nun doch einen funktionierenden Prototyp des Bambi Belt entwickelt, der ausführlich in Kliniken getestet werden wird. Bambi Medical hofft, die ersten Produkte im zweiten Halbjahr von 2019 verkaufen zu können. Zukünftigen Eltern von Frühgeborenen wird es nicht schnell genug gehen können.

Für weitere Informationen siehe:

Artikel zuletzt aktualisiert am Mai 11, 2019. 

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