Onora coffin, photo: Peter van Trijen

Brabanterin lässt sich nicht unterkriegen

100 % pflanzlicher Bio-Sarg: Wird das die Zukunft? Marieke Havermans entwickelte den Bio-Sarg: die persönliche, nachhaltige Alternative zum herkömmlichen Sarg. Inhalte der Brabant Brand Box dürfen kostenlos und urheberrechtsfrei für positive Darstellungen von Brabant verwendet werden.

Brenna question

"Es gibt keine zweite Chance für einen letzten Eindruck."

Früher verpackte sie Schokoriegel, Tierfutter und Tomatensoßen. Heute verpackt sie den Tod. Die Suche von Marieke Havermans nach dem ersten Bio-Sarg der Welt. „Ich bin ziemlich unerschrocken. Kenne keine Angst. Und ich finde, dass ich das tun muss“.

Stolz ist sie! Nach drei Jahren technischer Entwicklung hat Marieke Havermans es geschafft. Denn dort steht er, an einem Mittwochvormittag im Dezember: Der erste biologische Sarg der Welt. Das Verrückte ist: es gibt keine Euphorie, keine Freudentänze. „Toll war es schon, klar, aber ich stand dort als einzige Frau in einer Fabrik zwischen zehn nüchternen Kerlen. Und ich war total erschöpft. Drei Tage am Stück waren wir an der Arbeit gewesen, 20 Stunden pro Tag.“ Obendrein: Kurz nach der „Geburt“ ihres Bio-Sargs hört sie, dass ihre 91-jährige Oma gestorben ist. Marieke: „Ich konnte nicht anders, als sie darin begraben. Das wollte sie auch so, hatte sie mir zuvor gesagt. Es war wirklich schön, sie in meinem Sarg, und nein, Zufall war's nicht, soviel Zufall gibt es nicht. Das sollte wohl so sein.“

Grüne Familie

Als kleines Mädchen bereits hat Marieke Havermans aus Den Bosch eine Faszination für Verpackungen. Sie wächst in einer „grünen Familie“ auf. Schon jung lernt sie, dass man mit unserem Planeten schonend umgehen sollte. „Mein Vater ärgerte sich vor allem über Verpackungen, einen der größten Verursacher der wachsenden Müllberge.“ Ach ja, Ferrero Rocher, das war das Allerschlimmste, erinnert sie sich. Eine Tiefziehverpackung mit Papierhülle, innen noch mehr Plastik und jede Praline dann noch einzeln in Folie verpackt mit einem Aufkleber, und das Ganze lag dann noch auf einem anderen Papierchen. Wirklich, wütender konnte man ihren Vater gar nicht kriegen. „Ging das denn nicht anders?“ Nun, da wollte sie gern mitdenken. In technischer Hinsicht hatte sie ja auch die Begabung. In der Garage hatte sie eine eigene Bastelecke zum Schweißen, Löten, Tischlern und Schleifen. „Ich konnte alte Geräte instand setzen und Elektrizität anlegen. Mit vier Jahren lötete ich meine erste Platine.“

Kommunizieren

Nach dem Schulabschluss besucht Marieke die Kunstakademie, aber das ist nicht ihre Welt („die Atmosphäre, die Mitstudenten, nein danke, dazu war ich viel zu bodenständig“). So entscheidet sie sich nach einem Umweg doch noch für ein Studium der Verpackungstechnologie, einer Fachrichtung der Produktentwicklung an der Haager Fachhochschule für Technik. „Verpackungen müssen im Regal auffallen. Man will sich ja damit unterscheiden.“ Technisch müssen sie unterschiedliche Anforderungen erfüllen, hinsichtlich Transport, Material und Lebensmittelsicherheit. „Verpackungsentwürfe sind ein Zusammenspiel vom Einzelhandel, von Produktentwicklern, Herstellern, Designern und Transportunternehmen.“

Onora founder Marieke, photo: Peter van Trijen.jpg
Foto: Peter van Trijen

Bei einem Blick auf den Sarg fragt sie sich: „Wie kann das sein. So ein altmodischer, eckiger, unpersönlicher Sarg, hergestellt aus umweltschädlichen Materialien."

Ketchupflaschen

Nach ihrem Studium kann Marieke sofort bei Mars in Veghel beginnen. „Dort habe ich das Fach gelernt.“ Danach folgt Heinz in Nimwegen. Als Innovationsmanagerin beschäftigt sie sich dort bereits mit biobasierten Techniken wie mit Biokunststoffen für Ketchupflaschen. „Im Bereich der Nachhaltigkeit hinken wir den umringenden Ländern weit hinterher. In den Niederlanden beschäftigen wir uns mit Konsum und Wirtschaftswachstum, an die Auswirkungen auf die Umwelt wird selten gedacht.“ In der Periode entsteht etwas in ihr, während der Beerdigung ihrer 58-jährigen Schwiegermutter. Bei einem Blick auf den Sarg fragt sie sich: „Wie kann das sein. So ein altmodischer, eckiger, unpersönlicher Sarg, hergestellt aus umweltschädlichen Materialien. Alle haben diese hässliche Kiste während der Trauerfeier auch noch im Blick.“ Sie weiß: „Das muss besser gehen und ich als Verpackungsexpertin kann das auch besser. Ein Freund erzählte mir, dass er bei allen Trauerfeiern die Beerdigung seiner Mutter wiedererlebt. Sie lag in einem ähnlichen Sarg, so einem, wo eben fast alle hineingelegt werden. Eine Beerdigung sagt etwas über das Leben aus, das jemand geführt hat. Die Särge erzählen jedoch alle die gleiche Geschichte.“

Bio-Sarg aus Mais

Ihren Job bei Heinz kündigt sie 2012 und dann macht sie sich auf die Suche nach persönlicheren, nachhaltigeren Alternativen für den Sarg. Sie entscheidet sich für Bio-Kunststoff, der aus Kartoffeln, Zuckerrohr oder Mais hergestellt wird. Alle halten sie für verrückt. Logisch. „Ein Ausdruck aus einem Océ-Drucker ist das größte Produkt, das je aus Bio-Kunststoff gefertigt wurde.” Was war also in sie gefahren? Marieke: „Ich bin ziemlich unerschrocken. Kenne keine Angst. Ich finde, dass ich das tun muss“.

Foto: Onora

Spritzgusswerk

Ob und wie sich aus Mais überhaupt ein Sarg herstellen lässt, das findet sie alles selbst heraus. In Hong Kong findet sie das richtige Material. Die Form hat Marieke schnell gefunden. Nicht hart und rechteckig. Ihr Sarg sieht wie ein Kokon aus, mit wohlgeformten Rundungen, bestehend aus zwei Teilen, die wie von selbst aufeinanderpassen. Darin liegen Matratze, Laken und Kissen aus Hanf. Und alles ohne umweltschädliche Nieten, Nägel, Schrauben, Plastikgriffe und Klebstoffe. Toll! Aber versuchen Sie mal, ein Spritzgusswerk zu finden, wo man untersuchen kann, wie sich die Bio-Formen halten. Spritzguss besteht in der Regel aus Kunststoff, sagt sie. Dazu schmilzt man Granulat zu einer dickflüssigen Masse, die man unter hohem Druck bei einer hohen Temperatur in eine Form spritzt, in die Form des Produkts. „Um das mit Granulat aus Bio-Kunststoff auszuprobieren, das war den Herstellern viel zu riskant. Sie befürchteten, dass das ihre Spritzgussmaschinen beschädigen würde“.

Eine Enttäuschung nach der anderen

Anfangs lässt keine einzige Spritzgussfirma sie rein. Damit braucht sie den Männern dieser Fabriken nicht zu kommen (zynisch): „Eine Frau, Idealistin, mit einem Sarg.“ Nach Mitwirkung von The Polymer Research Platform schafft sie es dennoch, Material und Design bei einer Fabrik zu testen. Wieder Pech. Kein einziger Versuch läuft nach Wunsch. Einmal läuft es hier schief, dann läuft es da schief. Alles muss sie selbst austüfteln und finanzieren. Inzwischen passiert auch um sie herum so einiges. Ein Lieferant geht pleite, ein Geldgeber zieht sich zurück, Enttäuschung nach Enttäuschung. „Hunderttausende gehen dabei drauf.“

Guter Fluss

„Für einen Spritzgussversuch hatten wir für drei Tage eine große Gussform gemietet, eine Art drei Meter lange Plastikrutsche. Das ging sofort total daneben. Wir mussten alles aus der Form herauskratzen.“ Nach kurzem Schweigen: „Da dachte ich einen Moment: Das schaffe ich nie.“ Aber immer wieder gibt es einen winzigen Funken Hoffnung. Auch an dem Tag. „Einer der Männer dieser Spritzgussmaschinenfabrik meinte: ‚Aber der Fluss war jedenfalls gut, darum ging es doch?‘ Ach, Negatives kann ich mir einfach nicht so gut merken. Ich schaue lieber voraus.“

Einträgliches Geschäft

Und dann gibt es endlich ihren ersten Sarg, mit ihrer Oma als Testperson. Während der Beerdigung sieht Marieke, dass es gut ist. Trotzdem lässt es sie nicht in Ruhe. Als würde sie bereits erahnen, dass der größte Kampf noch kommen würde. Denn so viel ist ihr klar: Das Bestattungsgewerbe würde nicht wirklich jubeln vor Freude. „Särge sind ein einträgliches Geschäft für das Bestattungsgewerbe. Sie kosten im Einkauf 70 Euro und werden für 500 Euro weiterverkauft, und das ist dann das allerbilligste Modell. Also einfach so 300 bis 500 % Gewinn. Die gesamte Branche ist eine riesige Geldmaschine, die von den Emotionen der Menschen lebt. Diktiert von ein paar Versicherungsgesellschaften und Bestattungsunternehmen, die lieber ihre Lieferverträge mit hohen Gewinnspannen behalten.“

Sterbegeldversicherungen

Viele Bestattungsunternehmen möchten auch nicht mit ihr zusammenarbeiten, einfach weil sie dann weniger daran verdienen. Ihr nachhaltiger Sarg kostet 400 Euro, noch weniger als der einfachste Holzsarg. Marieke: „Manche Krematorien behaupten, mein Sarg sei gefährlich. Sie lehnen ihn dann im allerletzten Augenblick ab. Dann hören die Angehörigen einen Tag vor der Feuerbestattung, dass sie entweder einen anderen Sarg bestellen oder auf ein anderes Krematorium ausweichen müssen. Wie respektvoll ist das denn?“

Eins passt zum anderen

Gegner sägen auch ständig an ihren Aussagen über Umweltschutz herum. Und das, obwohl ihr ultraleichter Sarg von den wichtigsten Instanzen positiv beurteilt wurde. Ein herkömmlicher Sarg wiegt 45 kg und die Herstellung dauert 80 Minuten. Bei der Herstellung gelangen viele Schadstoffe in die Luft. Ihr Bio-Sarg wiegt 25 kg und ist innerhalb weniger Minuten fertig, ohne schädliche Emissionen, sowohl bei der Erd- als auch bei der Feuerbestattung. Ein Professor für Nachhaltige Chemie der Amsterdamer Universität UvA unterschreibt das. Ihr Bio-Sarg stößt bei einer Feuerbestattung 75 % weniger Schadstoffe aus als ein herkömmlicher Sarg. Innerhalb von zehn Jahren hat er sich in der Erde vollständig aufgelöst. Auch benötigt man für das Spritzgussverfahren relativ wenig Energie. Marieke: Ich glaube stark an Bio-Kunststoffe, allerdings nicht für alle Produktanwendungen. Im Bestattungsgewerbe könnte man sagen: das eine passt zum anderen, da sowohl ein Körper als auch ein Sarg abgebaut werden. Man will keine Schadstoffe im Boden oder in der Luft. Der Tod ist etwas Respektvolles.“

Das größte Bioprodukt je

Von den Abendnachrichten bis hin zu Fachzeitschriften: Mit ihrem Entwurf erscheint sie in allen überregionalen Medien. Ihr Sarg ist weltweit das größte Produkt, das je aus Bio-Kunststoff gefertigt wurde, und eine der größten niederländischen Innovationen im Bereich der Nachhaltigkeit. Yarden Uitvaartzorg hat als einziger der drei großen Bestattungskonzerne ihren Bio-Sarg in das eigene Programm aufgenommen. Marieke: „Dort versteht man, dass Menschen keine austauschbare Bestattung wollen, mit dem üblichen Trauerkaffee mit Kuchen. Menschen wollen etwas Besonderes. Ort, Dekoration, Präsentation und Musik. Und jetzt ist der Sarg an der Reihe.“ Mit einem Augenzwinkern: „Es gibt keine zweite Chance für einen letzten Eindruck.“

Taupe, Braun und Beige

Marieke richtet ihren Verkauf nicht mehr an die 2000 Bestattungsunternehmer. Interessenten können sich direkt an sie wenden. In unserem Land sterben jährlich 135.000 Menschen. Eine Anzahl, die aus demographischen Gründen noch weiter ansteigt. 800 Särge hat sie bis heute verkauft, in den Farben Taupe, Braun und Beige. In ein paar Jahren hoffentlich auch in anderen Formen. „Kunden sind Menschen mittleren und höheren Alters, und bisher hauptsächlich Landwirte. Die kapieren das mit dem Mais besser. Sie haben einen Bezug zur Erde.“

Naiv und hartnäckig

Vielleicht lässt sie die ganze Umwelt- und Nachhaltigkeitsgeschichte künftig weg. Es geht schließlich nicht um das Produkt, das sie macht, sondern eher darum, was sie ermöglicht: einen persönlicheren Abschied. Man kann ihren Sarg mit Öko-Stiften und -Farbe verschönern. Ihre Hoffnung: Verkauf ins Ausland, wo ihre Geschichte mit Jubel empfangen wurde. Aber zunächst mal in den Niederlanden. „Ich bin hartnäckig. Ich will, dass es ein Erfolg wird, und bin zuversichtlich, dass es klappt. Wie schwierig der Weg dorthin auch sein mag. Vielleicht bin ich auch einfach nur naiv. Und kann ich deshalb so gut mit Enttäuschungen umgehen.“

Onora coffin, photo: Peter van Trijen
Foto: Peter van Trijen

Marieke wurde in Eindhoven geboren (1975) und wuchs in Baarn auf. Nach ihrem Studium arbeitete sie in Veghel bei Mars. Seitdem wohnt und arbeitet sie in Den Bosch. Sie ist Inhaberin von Onora, einem Unternehmen, das ökologische Särge herstellt. „Onora bedeutet ehren. Ehren der Natur, des Lebens und des Todes.“

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.onora.eu/de

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