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Landwinkel Philips Fruittuin - Rijp
  • Artikel 07.01.2022

Frisches Obst aus Eindhoven

4 Minuten Lesezeit

Wie die Kluft zwischen Bauer und Verbraucher verkleinern? Mit dem Philips-Obstgarten und Plattform Rijp setzt sich Carlos Faes für eine kurze Vertriebskette ein.

Zum Vorstellungsgespräch bei „Herrn Frits“

Faes weiß, wovon er redet. Er ist seit Jahren an verschiedenen Direktvermarktungsinitiativen beteiligt und hat schon so manches gute Projekt scheitern sehen. Zu klein, nicht rentabel. Aber er ist ein Machertyp und extrem engagiert. Das erkannte auch „Herr Frits“ Philips vor 30 Jahren, als sich Faes – als Wirtschaftsstudent mit einem Diplom in Obstbau in der Tasche – auf die freie Stelle des Betriebsleiters in einem Eindhovener Obstbetrieb bewarb. „Ich hatte keine Ahnung, dass es ein Unternehmen der Familie Philips war“, sagt er. Der damals 86-jährige Philips rief ihn persönlich an und lud ihn zu einem Vorstellungsgespräch ein, das mehr als sechs Stunden dauern sollte. Es war eine besondere Begegnung, bei der die beiden so manchen Spaziergang durch den Obstgarten und über das Landgut der Familie machten. Frits Philips erzählte davon, wie sein Vater Anton 1929 den Obstgarten angelegt hat – als Arbeitsbeschaffungsprojekt und um die Philips-Angestellten mit frischem Obst zu versorgen. Das Obst ging auch an die Philips-Kantinen, wo es zur Zubereitung von „Himmel und Erde“ verwendet wurde.

Carlos Faes mit Schafen auf einer Weide - Philips Fruittuin - Rijp
Foto: Bart van Overbeeke

Den Obstgarten den Eindhovenern zurückgeben

Carlos Faes: „Eine Woche später konnte ich anfangen. Mein Auftrag: den Betrieb auf gute Art und Weise wieder profitabel machen. Der Obstgarten machte nämlich seit Jahren Verluste. Philips war nicht mehr Kunde. Man arbeitete inzwischen mit einem großen Caterer zusammen, der das Obst zentral einkaufte. Und die Eindhovener blieben auch weg. Jetzt, wo es den Menschen besser ging und sie an jeder Straßenecke alle möglichen exotischen Früchte kaufen konnten, waren sie immer weniger bereit, für Äpfel und Birnen hierher zu kommen.“ Carlos Faes nimmt seine Aufgabe ernst, zusammen mit seiner damaligen Freundin, jetzt Ehefrau Anneke. Sie entdeckte – während ihrer Abschlussarbeit in Freizeitwissenschaften – dass der Obstgarten früher eine wichtige soziale Funktion hatte. „Wir wollten den Obstgarten den Eindhovenern zurückgeben. Aber wenn man will, dass die Leute hierherkommen, um einzukaufen und wieder Eindhovener Obst essen, muss man ein unverwechselbares Produkt haben und mehr als nur Äpfel, Birnen und Pflaumen anbieten.“

Obst pflücken im Philips Obstgarten während der Pflücktage
Foto: Bart van Overbeeke

Die Kluft muss kleiner werden

Der Titel ihres ersten Business-Case lautet: Die Kluft zwischen Verbraucher und Produzent muss verringert werden. Bis zum heutigen Tag ist das Faes' Mission. Und es wurden bereits viele Schritte unternommen. Der erste ist der Übergang zum biologischen Obstanbau – damals für viele noch ein böhmisches Dorf. Der zweite Schritt ist ein breiteres Sortiment im Laden. Dazu geht Faes eine Kooperation mit Landwirten in der Umgebung ein. 1994 übernehmen er und Anneke den Obstgarten von der Familie Philips. Diese glaubt fest an ihre Pläne, überlässt die Ausführung aber lieber dem engagierten jungen Paar. Doch Frits Philips geht noch mit zur Bank, als die einen Finanzierungsantrag ablehnt. Er ist bereit, für ein Jahr als Bürge zu fungieren und schafft es, die Bank davon zu überzeugen, Carlos und Anneke Faes doch den erforderlichen Betrag zu leihen.

Landwinkel Philips Fruittuin - Rijp
Foto: Bart van Overbeeke

Steigende Nachfrage nach nachhaltigen (regionalen) Produkten

Waren es um 1994 noch rund 10.000 Besucher pro Jahr, so sind es heute mehr als 125.000. Sie kommen zu einer Besichtigung oder einem Workshop in den in altem Glanz wiederhergestellten Obstgarten, zu einem Essen mit der ganzen Familie im Pfannkuchenrestaurant oder zu einer Tagung im modernen Tagungszentrum, dem jüngsten Teil des Betriebs. Hinterher nehmen sie gerne eine Tasche voller ökologisch verantworteter Produkte mit nach Hause. Oder sie kommen und pflücken selbst Äpfel und Birnen, während der beliebten Pflücktage. „Alles, was jetzt hier steht haben wir uns schon in den frühen Neunzigern ausgedacht“, sagt Faes. „Und Schritt für Schritt weiter aufgebaut, mit einer großen Investition alle zehn Jahre.“ Sogar Philips ist wieder Kunde. Was hilft, Besucher anzuziehen, ist, dass es mittlerweile einen schönen Radweg gibt, der von der Stadt zum Obstgarten führt. Aber der Hauptgrund für die wachsende Zahl der Kunden ist doch die steigende Nachfrage nach nachhaltigen (regionalen) Produkten.

Kofferraumverkauf

Nicht nur das Kaufverhalten der Verbraucher hat sich in den letzten Jahren verändert. Auch bei immer mehr Bauern findet ein Umschwung statt. Oft aus der puren Not heraus. Denn sie haben die Nase voll davon, immer mehr zu produzieren, für einen zu niedrigen Preis und einem Markt, den sie nicht kennen. Vor fünfzehn Jahren war es nur ein kleiner Zirkel, der sich mit der „kurzen Kette“ beschäftigte. Faes: „Wir sind uns immer wieder begegnet, bei Studentenclubs oder bei Meetings. Dann wurde Kofferraumverkauf gemacht. Ich habe Obst mitgebracht, ein anderer Käse, ein dritter Fleisch, damit wir alle mehr Produkte in unseren Läden anbieten konnten. Irgendwann haben wir bei jedem Treffen eine halbe Stunde lang ausgeladen und umgeladen. Das müssen wir professionalisieren, dachten wir und 2006 wurde die Genossenschaft „Landwinkel“ (Landladen) gegründet.“ Anderswo gab es nämlich schon ähnliche regionale Kooperationen. In der Genossenschaft „Landwinkel“ – eine Organisation von und für Bauern – schließen sie sich zusammen. Bei der Gründung im Jahr 2006 zählte Landwinkel 39 Mitglieder. Im Jahr 2020 sind es 93 und die Genossenschaft hat ein eigenes Vertriebszentrum in Veenendaal, von wo aus die eingesammelten Produkte an die verschiedenen Hofläden gehen.

Landgeschäft Philips Fruittuin - Rijp
Foto: Bart van Overbeeke

„Mit Rijp bauen wir etwas von Bauern für Bauern auf. Es gibt niemanden dazwischen“

Es in großem Stil angehen

Eine größere Herausforderung ist der Vertrieb von tagesfrischen landwirtschaftlichen Produkten. Die Produkte, die heute geerntet werden und die morgen im Laden liegen müssen. „Der Landwinkel ist ein gutes Konzept für verarbeitete, etwas länger haltbare Produkte“, erklärt Faes. „Aber das Abholen, Zusammenstellen und Ausliefern von empfindlichen, frischen Produkten in kurzer Zeit ist eine andere Geschichte. Wir haben von allen möglichen kleinen Initiativen, die in den letzten Jahren gestartet wurden, aber nicht überlebt haben, gelernt, dass man das im großen Stil angehen muss, wenn man wirklich etwas damit verdienen will. Aber das macht es auch kompliziert. Wie bekommt man die richtigen Produkte von all den verschiedenen Landwirten schnell und effizient in all die verschiedenen Läden?“ Als das sovielste Projekt, an dem er beteiligt ist, einen frühen Tod stirbt, zieht sich Faes zurück. „Ich habe jedes Mal eine Menge Energie hineingesteckt und jedes Mal hat es wieder nicht geklappt.“

Ein Kind isst eine Birne bei den Pflücktagen im Philips Obstgarten - Rijp
Foto: Bart van Overbeeke

Vom und für den Bauern

Glücklicherweise sind auch andere Parteien der Meinung, dass etwas an der Art und Weise, wie unser Lebensmittelsystem organisiert ist, getan werden muss. Unter der Bezeichnung „Online Food Brabant“ haben unter anderem die HAS Hogeschool, die „Zuidelijke Land- en Tuinbouworganisatie“ (ZLTO), die Provinz Noord-Brabant und das IT-Unternehmen Geodan die Initiative für eine Direktvermarktung 2.0 ergriffen. Ihre Lösung: eine Online-Plattform bauen, auf der Landwirte, Verbraucher und andere Parteien in der Kette direkt miteinander in Kontakt treten können. „Daran glaube ich“, sagt Carlos Faes, der schon bald zur Teilnahme eingeladen wird. „Damit bauen wir etwas von Bauern für Bauern auf. Es gibt niemanden dazwischen. Der Bauer stellt das Produkt her, bereitet es für den Markt vor und verkauft es: Er stellt es auf die Plattform und bestimmt seinen eigenen Preis und die Menge. Der Käufer hingegen kann direkt bei verschiedenen Bauern einkaufen und bekommt alle seine Einkäufe auf einmal, da sie über die Plattform zusammengetragen werden. Damit kreiert man nicht nur eine kurze Kette, sondern sorgt auch für Effizienz und Kosteneinsparungen. Und damit einen faireren Preis für die Landwirte.“ Bauern, die teilnehmen möchten, müssen jedoch zunächst eine Schulung absolvieren, in der sie lernen, ihre Produkte für den Online-Verkauf vorzubereiten – mit den richtigen Codes und Etiketten, einer hygienischen Verpackung und einem attraktiven Erscheinungsbild.

Landwinkel Philips Fruittuin - Rijp
Foto: Bart van Overbeeke

Die Zeit ist reif

Ende 2019 ging die Initiative, die inzwischen in „Rijp“ (Reif) umbenannt wurde, mit einer Gruppe von 30 Direktvermarktungsbauern an den Start. Die Aufgaben werden verteilt, die Einzelheiten werden ausgearbeitet – und dann macht Corona einen Strich durch die Rechnung und einige Investoren ziehen sich zurück. Carlos Faes und die meisten der teilnehmenden Bauern lassen sich jedoch davon nicht entmutigen. „Wir sind zuversichtlich, dass wir mit dieser Plattform etwas bewirken können und befinden uns nun in Gesprächen mit neuen Investoren.“ Die Zeit ist reif für Rijp. Das beweist auch Corona. „Allein schon in Brabant gibt es etwa 400 Hofläden, die im Moment alle sehr gut laufen. Mit Rijp können wir ihnen Perspektiven bieten, denn: es schafft neue Absatzmöglichkeiten. Wenn dies demnächst in Gang kommt, werden viele Menschen davon profitieren.“

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