Nach BredaPhoto Festival nie mehr unbeschwert in den Himmel sehen

Tina Farifteh nahm am International Talent Program des BredaPhoto Festivals teil. Ihre Fotos des unschuldigen Himmels erzählen eine grausame Geschichte.  

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Da sind sie. Nicht zu verfehlen. Auf 8 Meter breiten und 3 Meter hohen Blöcken in einer der Fabrikhallen der ehemaligen Maschinenfabrik Backer en Rueb in Breda. Die „Killer Skies“ der niederländisch-iranischen Fotografin Tina Farifteh. Der unschuldige Himmel erzählt eine grausame Geschichte. Eine Geschichte, die erzählt werden muss, meint Tina. „Mit meiner Ausstellung auf dem BredaPhoto Festival gebe ich hoffentlich zahlreichen Menschen Denkanstöße.“  

Vor nur wenigen Jahren kaufte Tina Farifteh ihre erste Fotokamera - für eine Reise in die Mongolei über Land. „Meine Kamera gibt mir einen berechtigten Grund, etwas mit meiner Neugierde anzufangen“, erzählt sie. „Um einfach irgendwo hineinzugehen und Fragen zu stellen. Außerdem kann ich über meine Fotos mit anderen teilen, was mich gerade beschäftigt. Wissensaustausch ist mir wichtig.“

Faszination oder Frustration

Fotografieren und untersuchen: Für Tina gehört das zusammen. „Mein Ausgangspunkt ist immer eine gewisse Faszination oder Frustration.“ Im Falle der „Killer Skies“ waren es ihre Mitreisenden mit ihren Smartphones, die auf sich aufmerksam machten - im Zug von Wohnort Amsterdam nach Den Haag, wo sie an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste (KBAK) studiert.  „Dass man sich an dem einen Ort befindet, mit den Gedanken jedoch ganz woanders ist, und dass sich das, was man mit den Händen tut, woanders auswirkt, das faszinierte mich. Was bedeutet das für den Umgang der Menschen miteinander? Was bedeutet es für die Gesellschaft?“

Den Himmel über Amsterdam oder Den Haag betrachtet sie dann noch völlig unbeschwert.

Erschütternde Entdeckung

„Ich begann, Kinder beim Gamen zu beobachten; deren Hände zu fotografieren. Bereits jung spielen Kinder ziemlich aggressive Spiele, bemerkte ich. Und sobald sie anfangen zu schießen, erscheint ihre Persönlichkeit wie verändert.“ Über die schießenden Kinder kommt sie zu den Profis. Sie schaut sich Videos von Piloten in Apache-Kampfhubschraubern an und liest über Soldaten, die bewaffnete Drohnen steuern.

Als Tina sich in amerikanische Drohnenangriffe auf Afghanistan vertieft, macht sie eine erschütternde Entdeckung. „Ich entdeckte, dass siebzehn Jahre nach Beginn dieses Drohnenkrieges noch immer alle vier Tage ein Angriff stattfindet. Und dass auch in anderen Ländern regelmäßig Drohnenangriffe erfolgen. Das wusste ich gar nicht und als ich Menschen in meinem Umkreis danach fragte, wusste niemand davon. Die USA geben es zu, es ist jedoch besonders schwierig, Informationen über individuelle Angriffe zu finden: Wann fand ein Angriff statt, wie viele Opfer gab es dabei? Das reizte mich so, dass ich beschloss, darauf zu fokussieren.“

„Dass man sich an dem einen Ort befindet, aber das, was man mit den Händen tut, woanders Auswirkungen hat, das faszinierte mich.“

International Talent Program BredaPhoto Festival

Der Anfang des Projekts ist zeitgleich mit den ersten Pitchrunden für das International Talent Program des BredaPhoto Festivals, woran Studierende im zweiten Studienjahr der KABK (wie auch Studierende sieben anderer europäischer Akademien) teilnehmen können. Das Thema dieser achten Ausgabe des Festivals: To Infinity and Beyond, also: Welchen Einfluss übt die Wissenschaft auf unser Leben aus? Tina: „Ich war neugierig, wie so ein Pitch abläuft und wie andere auf meine Arbeit reagieren würden. Und da meine Studie gut zum Thema passte, meldete ich mich an. Dass ich die nächste Pitchrunde erreichen würde, hätte ich wirklich nicht gedacht.“

Vom Iran in die Niederlande

Tina Farifteh ist im Iran geboren. Mit Dreizehn kam sie in die Niederlande. Sie hat zwar Erinnerungen an den Krieg mit dem Irak, aber was dort wirklich abläuft, realisiert sie sich erst später; in Teheran hat sie eine unbeschwerte Jugend. Wohl aber lernt sie bereits jung, dass die Welt größer ist als ihre Heimatstadt. Und dass man immer nur einen Teil der Wahrheit kennt: „Die Darstellungen in meinen iranischen Schulbüchern waren völlig anders als die in meinen niederländischen.“ Die Wahrheit hängt von der Perspektive ab - dessen ist sie sich auch beim Fotografieren stark bewusst. Häufig geht es bei ihrer Arbeit um den Einfluss politischer Systeme auf den „normalen Alltag“ der Menschen. Ihr Ausgangspunkt ist jedoch in vielen Fällen persönlich: Was für einen Einfluss hat es auf mich?

Fotos des Himmels auf jedem Fotofilm

Sie lacht, wenn sie über die ersten Fotos ihres Killer-Drohnen-Projekts erzählt. „Was ich wohl tun würde, wenn ich in einem dieser Länder wohnen würde und wüsste, dass es alle vier Tage einen Angriff aus der Luft gibt, fragte ich mich. Ich nähte eine Art Tarnanzug und fotografierte mich selbst im Studio. Und ich versuchte, meinen Freund im Wald zu verstecken. Diese Bilder habe ich bei meinem ersten Pitch präsentiert. Verschwommene, analoge Fotos, bei denen man nicht sicher sein kann, ob da jemand zu sehen ist oder nicht.“ Was ihr beim Betrachten der Fotos, die sie gemacht hat, auffällt: jeder Fotofilm enthält mehrere Fotos vom Himmel. „Scheinbar schaute ich unbewusst oft nach oben, da die Drohung aus der Luft mich stark beschäftigte.“ Ein Film enthält sogar nur Himmelfotos - von einem Himmel, der wunderschön und bedrohlich zugleich ist. Tina will herausfinden, ob an dem Tag, an dem sie diese Fotos gemacht hat, ein Drohnenangriff stattgefunden hat. Und das war auch so: An jenem 12. Oktober 2017 fand in der Provinz Kunar in Afghanistan ein Angriff statt. Es gab zwanzig Tote.

Seitdem schaut sie nicht mehr unbeschwert in den Himmel. 

Mutig

Das sind die Fotos, die Tina Farifteh bei ihrem zweiten Pitch für das BredaPhoto Festival präsentiert. Sie hält es für mutig, dass die Kuratoren von BredaPhoto sie auf Grundlage eines Konzepts für die dritte Pitchrunde auserwählen, die an der LUCA School of Arts in Brüssel stattfinden wird. „Denn ein fix und fertiges Projekt hatte ich noch nicht. Nur diesen Plan, um jeden Tag den Himmel zu fotografieren und im Nachhinein herauszufinden, ob es an dem Tag Angriffe gegeben hat. Nicht nur um darzustellen, wie oft das passiert, sondern auch um einen Bezug zu uns herzustellen, also zu denjenigen, die es genießen in den Himmel zu schauen.

Es wird schon fast zum Ritual. Für drei Monate macht sie jeden Morgen eine Aufnahme des Himmels, um später in der Datenbank des Londoner Bureau of Investigative Journalism nachzuschlagen, ob es an dem Tag irgendwo auf der Welt einen Drohnenangriff gegeben hat. Sie notiert Daten und die vermutliche Zahl der Opfer.

Kritische Fragen stellen

Gemeinsam mit noch neunundvierzig anderen Studierenden präsentiert sie im April dieses Jahres ihre Arbeit in Brüssel. Nur fünfzehn Studierende werden auserwählt: Ihre Arbeit wird auf dem BredaPhoto Festival ausgestellt. Tina ist eine von ihnen. „Jedes Mal, wenn ich die nächste Runde erreicht hatte, war ich dankbar“, sagt sie. „Denn das bot mir ja eine Chance, diese Geschichte immer wieder anderen Gruppen Menschen zu erzählen.“ Dass ihre Arbeit jetzt auf dem BredaPhoto Festival gezeigt wird, findet sie „total super“. „Denn das bedeutet, dass ich noch mehr Menschen erreiche.“ Zum Nachdenken anregen, das ist, was sie mit ihren Killer Skies vor Augen hat. Das ist, weshalb sie den Himmel zeigt, statt beispielsweise kaputt geschossene Häuser. „Ich will Menschen nicht vorschreiben, was sie zu denken haben. Ich will sie zum Nachdenken reizen, sodass sie kritische Fragen stellen: Was halten wir davon, dass das passiert, während wir hier kaum etwas darüber wissen? Was bedeutet diese Technologie für die Zukunft der Kriegsführung? Kann man solche einseitigen Aktionen überhaupt als Krieg bezeichnen?“

Entzug

Acht Wochen vor Beginn des BredaPhoto Festivals schickt Tina ihre Fotos und Daten nach Breda. Zuvor überprüft sie alle Daten jedoch noch einmal. Wenn sie die mutmaßlichen Opferzahlen addiert, macht sie der Umfang dieses einseitigen Krieges erneut emotional. Auch an den nachfolgenden Tagen fotografiert sie den Himmel. Tina: „Ich hatte fast Entzugserscheinungen. Heute erst ist mir klar, was für Auswirkungen das auf mich hatte. Ich kann immer noch nicht „einfach“ in den Himmel schauen.“ 
Möglicherweise gibt es noch eine Fortsetzung des Projekts. „Was mich interessieren würde: Wie wirkt sich ein solches Wissen auf einen aus? Ich habe den Anblick des Himmels immer genießen können. Heute kann ich das nicht mehr.“ Dabei findet sie es grotesk, dass die Angriffe auch weiterhin stattfinden, während die Informationen darüber auf der Strecke bleiben. „Außerdem bin ich gespannt, wie sich diese Technologie und die Weise der Kriegsführung weiter entwickeln werden.“ 

Das Mädchen von dem Himmel

Aber zunächst das BredaPhoto Festival. Tina ist „sehr stolz“ und erzählt begeistert, wie die Ausstellung eingerichtet ist und wie ihre Fotos präsentiert werden - in einem Raum, der perfekt zu ihrer Arbeit passt, und mit einer Aufstellung, die dabei hilft, ihre Geschichte ins rechte Licht zu rücken. Leute kämen zu ihr, sagt sie. Und fragten: „Bist du das Mädchen von dem Himmel?“ Um anschließend zu erzählen, wie ihre Arbeit sie zum Nachdenken anregt. Eine von ihnen kommt sogar zurück, um ihr ihre eigenen Fotos des Himmels zu zeigen. „Wenn es auch ein so großes Festival ist, die Atmosphäre dort ist dennoch sehr persönlich“, sagt Tina Farifteh.  „Man fühlt sich hier frei miteinander ins Gespräch zu kommen.“
Vielleicht sind diese Gespräche der Beginn einer Veränderung.

Größtes Fotofestival Benelux

BredaPhoto Festival ist das größte Fotofestival der Benelux. Vom 5. September bis zum 21. Oktober präsentieren 58 Fotografen - bekannte Namen und junge Talente - ihre Arbeiten an verschiedenen Standorten in Breda, sowohl innen als auch im Freien. Ein fester Bestandteil des zweijährlich stattfindenden Festivals ist das International Talent Program. Dazu arbeitet BredaPhoto zusammen mit acht Fotoakademien in den Niederlanden sowie in Belgien, Deutschland und - erstmalig auch - Tschechien zusammen.

Foto: Ron Magielse

International Talent Program: „Inspirierende und lehrreiche Erfahrung“

Studierende der acht europäischen Akademien beginnen bereits im September 2017 mit dem Thema dieser achten Ausgabe des Festivals (To infinity and beyond) und bekommen von den Kuratoren von BredaPhoto Feedback zu ihren Projekten und Ideen. Im April dieses Jahres werden 50 von ihnen zu einer Pitchpräsentation an der LUCA School of Arts in Brüssel eingeladen. Laut Tina Farifteh eine inspirierende Erfahrung. „Die eigene Arbeit präsentieren und darüber reden; sich anhören, wie sich andere mit dem Thema auseinandersetzen, sich ständig in Menschen hineinversetzen, die über das Thema nichts wissen: das ist enorm lehrreich“, meint sie. Am Ende wählen die Kuratoren die Arbeit von 15 Studierenden für das Festival aus.

„Die Arbeit junger Talente ist ein integraler Bestandteil des BredaPhoto Festivals“

Tina hält es für etwas Besonderes, dass die Arbeiten der Talente nicht nur einen kleinen Teil des Festivals ausmachen, sondern ein integraler Bestandteil sind. BredaPhoto Festival präsentiert Fotoserien und Videoinstallationen der Top-Fotografen und Studierenden bunt gemischt. Die Besucher können sich ein Urteil bilden.“

Foto: Ron Magielse

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