Mark Migchels ist mit der Einrichtung der neuen Räumlichkeiten seiner Destillerie Bottle beschäftigt (Motto: „A place for lucky bastards“, denn seine eigene Spirituosenmarke heißt „Lucky Bastards“). Aber für die Frage, was Eindhoven ausmacht, nimmt er sich gerne Zeit. Seine Antwort: „Eindhoven ist industriell. Es ist rational. Es ist kreativ. Und es ist gastfreundlich. Die Einhovener sind Anpacker.“ Migchels verweist auf die multinationalen Unternehmen, die Eindhoven groß gemacht haben: Philips und DAF. „Und heute haben wir den Brainport Eindhoven und die Technische Universität. Darin erkennt man die rationale Haltung von Eindhoven und seinen Einwohnern. Gleichzeitig hat Eindhoven ein Auge für die ästhetische Seite des Lebens, denn es ist die ausgewiesene Designstadt der Niederlande. Und nicht zuletzt ist da auch noch die menschliche Seite, denn auch die Gemütlichkeit ist typisch für Eindhoven und die Einhovener. All das macht diese Stadt zu einer reizvollen Melange.“

Von Philips zum Brainport

Fangen wir mit dem Anfang an: Die Industriestadt. Bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte Eindhoven nie mehr als zweitausend Einwohner, aber das änderte sich mit der industriellen Revolution entscheidend. Die Fabriken (Textilien, Tabak, Streichhölzer) zogen immer mehr Arbeiter an. Heraus ragte dabei die Glühlampenfabrik Philips, die in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einem für seine Zeit beispiellosen Unternehmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern heranwuchs. Eindhoven wuchs mit – zwischen 1890 und 1920 von 19.000 auf 43.000 Einwohner. Die Dörfer Woensel, Tongelre, Stratum, Gestel und Strijp schlossen sich Eindhoven an und bilden seitdem eine einzige Gemeinde. Auf die Weise machte Philips also auch buchstäblich groß. Die Fabrikkomplexe von Philips rund um die Emmasingel (Lichttoren, Witte Dame, De bruine Heer) und Strijp-S erinnern an diese glanzvolle Zeit.

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts geht ein leichter Schock durch Eindhoven: Philips verlegt seinen Hauptsitz nach Amsterdam. Wie sie darauf reagieren, ist typisch für die „Anpacker“. Die Kooperation zwischen Einwohnern, Behörden, Bildungseinrichtungen und Wirtschaft führt zu einer neuen Identität: Der Brainport Eindhoven ist eine Region, die vor technologischem und innovativem Wissen strotzt und in der es viel Fertigungsindustrie gibt. Darunter High-Tech-Unternehmen wie ASML (stellt Maschinen her, die unter anderem bei der Herstellung von Mikrochips eingesetzt werden). Der High-Tech-Campus (auf dem Gelände des ehemaligen NatLab, dem Physiklabor von Philips) und der Brainport Industries Campus im Nordwesten Eindhovens sind Hotspots für (internationale) Unternehmen und Bildungseinrichtungen.

Nach den goldenen Jahrzehnten zu Beginn des letzten Jahrhunderts unter Philips erlebt Eindhoven in den ersten zwanzig Jahren dieses Jahrhunderts die gleiche Blütezeit. Man erkennt es an den Zahlen: von 194.000 Einwohnern im Jahr 1980 auf über 230.000 im Jahr 2019.

Hippes Woensel-West

„Jäte das Unkraut aus deinen Gedanken und lass das Glück blühen.“ Der Spruch auf dem Schaufenster des Pflanzengeschäfts Le Freak Botanique am Franklinplein passt perfekt zu dem Arbeiterviertel Woensel-West anno 2020. Auch hier sieht man, dass Eindhoven mit der Zeit geht. Vor zehn Jahren taten sich verschiedene Organisationen unter dem Begriff „Nachbarschaftsunternehmen“ zusammen. Die auffälligste Umstrukturierung fand in der Voltastraat und der Galvanistraat statt. Durch ein monumentales Tor an der zentral gelegenen Edison-Straße - das in der Form an eine Glühbirne (Erfindung von Thomas Edison) erinnert - gelangt man nun in ein autofreies Wohngebiet namens Volta Galvani, voller bunter Häuser, die die Atmosphäre von Städten rund um das Mittelmeer vermitteln.

Marjan Christ (40) wohnt gerne hier. Seit drei Jahren ist sie wieder in Woensel-West, nach 23 Jahren andernorts gelebt zu haben. Das Viertel steht jetzt positiver in den Nachrichten als früher. „In der Edisonstraat entstand eine Vielzahl von Geschäften, es gibt ein Hotel und einen Second-Hand-Kleiderladen. Dadurch kommen nun auch Menschen von außerhalb des Viertels nach Woensel-West.“ Doch das hat auch eine Kehrseite: Manchmal findet sie keinen Parkplatz vor ihrer Haustür. Dennoch urteilt Marjan Christ positiv: „Hier leben nette Leute, dies ist immer noch ein echtes Arbeiterviertel. Die Leute stehen draußen und für einen bereit.“, wie sie es wörtlich formuliert.

Die Geschäfte, die Marjan meint, sind die „Woensel WestSide Stores", eine Reihe von Geschäften, die dem Viertel ein hippes Ambiente verleihen. Und gleich gegenüber befindet sich der Second-Hand-Laden YATVA, einschließlich Lunchroom. Dort findet man eine Fülle von Kleidung für ein originelles, skurriles Outfit, inklusive Taschen, Hüte, Sonnenbrillen, Koffer, Broschen, Ohrringe und Ringe. Eingerichtet ist der Laden mit Teppichen, Tischchen und Lampenschirmen im Stil der 70er-Jahre. Ein Fest für die Augen.

Bottle und Stadsbrouwerij

Mark Migchels sagte es schon: In Eindhoven versteht man es, Kreativität und Geselligkeit zu kombinieren. Und manche Unternehmer machen das so geschickt, dass daraus ein florierendes Geschäft entsteht. Migchels' eigenes „Bottle“ ist kürzlich in die alte Fabrik umgezogen, in der Campina viele Jahre lang Milchprodukte erzeugt hat. Vor dem Bereich, den er selbst bezogen hat – mit herrlichem Ausblick auf den Kanal direkt vor der Tür – fuhren früher Pferdegespanne heran, weil dort die Milchannahme stattfand. Jetzt stellt Bottle hier unter anderem Gin, Rum, Liköre und Wodka her. Der Inhaber war viele Jahre in der Finanzdienstleistungsbranche tätig. „Aber ich wollte lieber mit einem greifbaren Projekt beschäftigt sein. Jetzt arbeite ich mit wundervollen Zutaten und raffinierten Produktionsprozessen und kann viel Einfluss auf das Ergebnis ausüben.

Bis Ende 2019 befand sich Bottle in der Schellensfabriek (einer ehemaligen Textilfabrik) und arbeitete intensiv mit „De Stadsbrouwerij“ zusammen, die 2015 ihre Türen öffnete und zu der ein gleichnamiges Café/Restaurant gehört. Hier werden die „100-Watt-Biere“ gebraut. Über dreißig Personen arbeiten unter der Leitung des kreativen Kopfes Rob Bours („Ich bin ein Genussmensch.“) Früher war Bours Tontechniker und Musiker. Zum Spaß besuchte er einen Braukurs. „Der Kursleiter, war so begeistert von dem, was ich mir ausgedacht hatte, dass ich aus diesem Hobby meine Arbeit gemacht habe. Jetzt denke ich mir alle Arten von originellen Bieren aus, am liebsten ein bisschen extrem, zum Beispiel mit Vanille oder Früchten.“ Im eigenen Lokal stehen im Moment 45 selbstgebraute Biere auf der Karte. Doch die Brauerei verkauft ihre Biere auch an die Gastronomie, an Supermärkte in der Region und an den Großhandel.

Sowohl bei Bottle als auch bei De Stadsbrouwerij vermitteln die Eigentümer ihre Begeisterung mit Workshops, Führungen und Verkostungen. „Riechen, probieren, erfahren,“ nennt Mark Migchels das.

Faam als Designstadt

Kreativität zeichnet nicht nur so manchen Unternehmer in Eindhoven aus – die Stadt genießt auch weltweiten Ruhm als Designstadt. De Dutch Design Academy und die Dutch Design Week (an 120 Veranstaltungsorten in der Stadt!) sind international ein Begriff. Die Werkstatt und die Ausstellung des Designers Piet Hein Eek sind unbedingt einen Besuch wert. Und das gilt auch für „De Kazerne“, die acht luxuriöse Hotelzimmer, zwei Restaurants, verschiedene Ausstellungsräume und einen Innengarten beherbergt. Hier können Sie inmitten wechselnder Kunstausstellungen von Designtalenten von Weltrang zu Mittag und zu Abend essen und schlafen. Das Restaurant Benz steht unter der Leitung des schwedischen Chefs Rasmus Olander. Bei De Kazerne schwingt der Italiener Giovanni Gabana das Szepter. Im letztgenannten Restaurant wähnt man sich durch die Beleuchtung an einem Film-Set.

„Wine, Dine & Design“ findet man auch bei TAC, gegenüber dem Stadion von Fußballclub PSV. Im Gegensatz zu dem, was der Name vermuten lässt, ist das „Temporary Art Centre“ nüchterner vom Ambiente als De Kazerne. Während des Krieges war dies ein Büro von Philips, in dem Frits Philips persönlich arbeitete. Auch der Personalverkauf befand sich dort. Heutzutage gibt es im TAC achtzig(!) Ateliers, in denen (angehende) Künstler ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Sogar die Bar und das Restaurant sind Kunstwerke: gestaltet von dem Künstler Marsel Pott. Das TAC ist auch ein Ort für Live-Musik, Ausstellungen und Feiern. „Wir arbeiten hier alle mit begrenzten Budgets“, sagt Produzent Martijn Claessens, „doch das kommt der Kreativität nur zugute. Unser Motto: Alles ist machbar, vorausgesetzt, das Gebäude wird mit Respekt behandelt. Kürzlich hat ein Künstler einige Wände schwarz gestrichen. Das war Teil seines Projekts. Hinterher haben wir sie dann wieder weiß gemacht.“ Zupacken und kreativ sein. In Eindhoven tun sie es einfach.

Fakten und Zahlen

  • Einwohnerzahl 2019: 231.000.
  • Beinamen: „Lichtstadt“ (zu verdanken der Streichholzindustrie im 19. Jahrhundert). Name zu Karneval:.
  • Stadtrechte seit: 1232.
  • Stichwörter: kreativ und innovativ
  • Bedeutendster Blickfang: Der „Lichttoren“ (Leuchtturm) in Kombination mit dem „Blob“ (Binary Large Object – das Eingangsgebäude zu dem Komplex neben dem „Lichttoren“.
  • Bekannte Eindhovener: Armand (Popmusiker), Leo de Bever (Architekt), Jeroen Dijsselbloem (Politiker), Rudi Fuchs (Kunsthistoriker), Paul Haarhuis (Tennisspieler), Peter Koelewijn (Sänger), Frits Philips (Industrieller), Frits Spits (Radiomacher), Lucille Werner (Fernsehmoderatorin).

Für weitere Informationen siehe:

Artikel zuletzt aktualisiert am 20 Februar 2020.

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